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JUST LISTEN


"I like to listen. I have learned a great deal from listening carefully. Most people never listen."

(Ernest Hemingway)

 
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  • Alma

Bulimie

Aktualisiert: 6. Nov. 2021

Triggerwarnung: In diesem Beitrag geht es um die Darstellung und Erzählungen von Essstörungen, insbesondere der Bulimie.Wenn es dir nicht gut geht mit dem Thema, lies diesen Beitrag nicht, oder nur in Gesellschaft.


Du bist doch gar nicht dick, warum erbrichst du dich?

Wie ekelhaft!

Warum isst du nichts?

Du musst doch einfach nur weniger Süßes essen, dann hat sich das.

Bist du nicht schon satt?

Du isst doch, also ist alles gut.

Igitt, das ist doch voll eklig.

Hör’ auf dich zu übergeben!

Hast du immer noch Hunger?

Du hast doch gerade erst was gegessen.


Bulimie, auch Ess-Brech-Sucht oder Bulimia Nervosa genannt, ist eine Störung des Essverhaltens, häufig einhergehend mit suchtartigen Essanfällen und anschließend selbst herbeigeführtem Erbrechen. Genauso können aber auch „normale“ Mahlzeiten erbrochen werden oder das Essen wird durch übermäßigen Sport oder Hungern reguliert, ebenso wie durch die übermäßige Einnahme von Abführ-und Entwässerungsmitteln. Häufig ist es aber auch eine Kombination von allem, wie bei mir auch. Außerdem kommen oft noch weiter Symptomatiken wie übermäßiger Sport, Bewegungsdrang, Selbstverletzung, Depressionen und ähnliches hinzu.

Ich bin gemeinsam mit der Bulimie an meiner Seite aufgewachsen und dementsprechend liegt mir dieses Thema auch „am Herzen“. Mir ist schon früh aufgefallen, dass Bulimie im Vergleich mit beispielsweise Magersucht nicht ganz so “bekannt” ist und es nicht so viele Dokumentationen oder Erzählungen von Betroffenen gibt. Bulimie hat eine ziemlich große Dunkelziffer an Erkrankten, vielleicht liegt es an mangelnder Aufklärung, aber vielleicht auch ganz woanders dran. Auch innerhalb der Essstörungen gibt es gewisse Stigmata. Was zum Beispiel vorkommt ist, wenn ich jemandem sage, dass ich eine Essstörung hatte/habe, dann wird meist sofort von Magersucht ausgegangen. Gerade vor einigen Tagen wieder ist ein Therapeut anscheinend davon ausgegangen, dass wenn ich sage ich entwickelte eine Essstörung, ich dann magersüchtig war. Oder jemand anders hat darauf sofort reagiert mit der Frage „ Jetzt isst du aber wieder,oder?“. Nicht essen war nicht mein Problem, eher das Gegenteil. Das zerrt etwas an dem Gefühl des „ernstgenommen werdens“, da quasi jemand schon im Vorhinein entscheidet, was es denn für eine Essstörung ist, was oft aus purem Unwissen geschieht, aber dennoch, mich zumindest, trifft. Mir hätte es damals gut getan ein bisschen spezifischer und mehr über die Bulimie zu erfahren und Geschichten von anderen Betroffenen zu hören, um nicht nicht so alleine zu fühlen.

Ich empfand Bulimie lange Zeit nicht als Krankheit, noch länger auch nicht als Problem. Aus voller Inbrunst und absoluter Überzeugung antwortete ich der Therapeutin im Beratungszentrum auf die Frage, welchen der vorgeschlagene Therapie-Ideen ich mir vorstellen könnte, dass ich vielleicht, eventuell eine Selbsthilfegruppe ausprobieren könnte, denn Therapie klingt so, als ob ich krank wäre. Davor hatte ich ihr ganz nüchtern davon erzählt, dass es mich irgendwie langsam stört, dass ich immer so viel esse und erbreche und mich so schlecht fühle. Sie antwortete mir mit der Frage „Bist du das nicht?“ und ich verfiel in Schockstare und merkte,dass in mir bei diesen Worten irgendwas zu Eis gefroren ist. Eigentlich wollte ich doch nur ein Tipp, wie ich das alles besser händeln kann oder von ihr hören, dass ich mir das alles einbilde und mich nicht so anstellen soll und dann machte sie das alles einfach nicht, sondern konfrontierte mich mit der Realität. Diesen Moment werde ich glaube ich nie vergessen, sie erwischte mich damals genau da wo der Knoten sitzt. Ein Teil in mir wusste, dass etwas ziemlich schief läuft bei mir und wollte das nicht, gleichzeitig war es mir aber zu dem Zeitpunkt unvorstellbar mein Verhalten jemals zu ändern. Wie bei Essstörungen im Allgemeinen ist auch bei der Bulimie das Hauptproblem meist nicht das Essen. Essen wird hier nur zweckentfremdet und oft als eine Art der Impulskontrolle genutzt.

Bulimie ist ein dreckiges Geschäft. Es ist kalt, eklig, herzlos, einsam. Es ist Selbstverletzung, Selbstbestrafung und irgendwie auch die einzige Belohnung die man sich gönnt. Bulimie ist widerlich, es ist das Umschalten eines Schalters im Kopf, ein Wahn, ein unbändiges Verlangen. Es brennt, es tut weh, es schmerzt. Es wird einem schwindlig, man kriegt Kopfschmerzen, Zahnschmerzen, überall Schmerzen. Man lernt seinen Körper kennen, in dem man schaut wie viel Schaden er denn so aushält. Und solange alles noch irgendwie funktioniert, ist es ja nicht so schlimm, oder? Also mein Clown sagte mir dann „ Siehste, so viele Jahre gekotzt und noch nicht tot, du Schwächling. Dann kannst du ja weitermachen, sonst glaubt es dir eh keiner“.

Bulimie ist ganz klar gesagt große Scheiße. Es frisst dich innerlich auf, während du alles um dich herum auffrisst. Es stielt dein Herz, deine Seele, dein Gehirn und deinen Körper. Es ist ein stummer Hilfeschrei. Bulimie ist der Wunsch entdeckt, gesehen, gerettet zu werden, während man alles dafür tut, dass keiner irgendetwas merkt.

Bulimie ist Mathematik. Es ist auszurechnen, wann man wie und was essen kann, bevor der Mitbewohner nach Hause kommt. Es ist auszurechnen, wie viele Kalorien man gegessen hat und wie viele wieder erbrochen. Es ist die Mathematik zu wissen wie lange welches Lebensmittel braucht um verdaut zu werden. Es heißt zu planen, was länger im Magen bleiben kann und was sofort wieder raus muss. Es ist auszurechnen was die billigsten Möglichkeiten sind um den Drang bestmöglich zu stillen. Es ist zu wissen und zu testen, wie leicht welches Lebensmittel wieder zu erbrechen ist. Es heißt auszurechnen wie viel Sport man noch dazu machen muss, um auf null zu kommen-und auch nach null ist es ja noch nicht zu Ende. Es ist zu timen, wann man alleine ist und wann nicht, zu gucken wie es am wenigstens auffällt, dass man ein Geheimnis hat.Wenn das Geld irgendwann nicht ausreicht, ist es andere zu beklauen, Geld oder Lebensmittel, es ist egal. Es ist zu planen und eine Konstrukt zu kreieren, um bloß nicht aufzufallen und im Geheimen weiter machen kann. Es ist ständiges plus und minus Kalorien rechnen. Es ist zu wissen wie viel Kalorien etwas hat, nur vom bloßen angucken. Es ist das ständige auf die Waage steigen in der Hoffnung eine Zahl zu sehen, die nie erreicht werden kann. Oft ist es auch, nur zu bestimmten Zeiten zu essen, weil man sich Verbote und Erlaubnisse geschaffen hat. Es ist eine Liste im Kopf zu haben mit guten und schlechten Lebensmitteln, die erlaubten und die verbotenen und wann man welche essen darf. Es ist ein ständiges Grenzen überschreiten. Es ist eine Welt von Regeln, Zahlen, Verboten , Erlaubnissen und Verzicht... und dann gibt es die Momente in denen alle diese Regeln über Bord geworfen werden und maßlos „genossen“ , gestopft wird ohne zu Denken, man alle fünfe gerade sein lässt, Kontrolle loslässt... und dann bestraft oder befreit man sich gleich wieder damit all dieses wieder in die Kloschüssel zu entledigen. Und nein, auch nach vielen Jahren ist es immer noch ekelhaft. Aber das Gefühl danach ist für einen kurzen Moment unbezahlbar und ich sehen mich auch heute noch danach. Eine Entspannung, eine Ruhe, alle Last fällt ab, ein Glücksgefühl, Stolz und Zufriedenheit, schlichtweg Gefühle die sonst eher nicht vorkommen. Aber dieser Moment hält nicht allzu lange an, denn die Kehle brennt, der Kopf pocht, der Magen schmerzt, man ist erschöpft und hofft das diesmal auch alles wieder gut geht.

Warum lässt man es denn nicht einfach, wenn es so schrecklich ist?

Weil man es zum Leben und Überleben braucht. Die Psyche hat sich einen Weg gesucht, um mit etwas klar zukommen, was man anders anscheinend nicht gelöst kriegt. So wird versucht stetig ein Loch zu stopfen, was nur immer, immer größer wird. Es ist irgendwann ähnlich wie bei anderen Süchten, wenn man nicht mehr ohne kann, weil der kurzfristige „positive“ Effekt alles andere überdeckt. Es heißt ja auch nicht umsonst „ Ess-Brech-Sucht“ oder auch „Magersucht“ oder „Esssucht“. Es macht einen irgendwann abhängig, man braucht die Sucht, man ist gewohnt und die Sucht gewinnt langsam, aber stetig Kontrolle über einen. Diese Darstellung hat zumindest mir immer geholfen um es für andere etwas klarer dazustellen.


Bei der Essstörung ist der Entzug und somit die Behandlung aber etwas anders, denn jeder von uns muss Essen und Trinken. Das heißt auf „Entzug“ gehen mit permanenter, dauerhafter, alltäglicher Auseinandersetzung der „Droge“. Das sieht bei jedem anders aus. Bei mir hieß es erstmal das Fressen und Kotzen aufzuhören und regelmäßige Mahlzeiten einhalten, um wieder klarer im Kopf zu werden. Dabei geht das nicht mal eben so, es fing damit an, dass ich immer öfter mal Tage hatte wo ich „symptomfrei“ war, dann wieder tagelang nicht, dann mal eine Woche ohne, bis es dann über einige Jahre gezogen zu symptomfreien Wochen und Monaten wurde. Das nächste Ziel heißt für mich persönlich ein halbes Jahr und dann ein Jahr rückfallfrei zu schaffen.

Ich habe schon früh unheimlich gerne gegessen und habe nie ein richtiges Gefühl dafür gehabt was und wie viel die richtige Menge für mich ist. Ich merkte schon sehr früh, dass das Essen dafür sorgte, dass ich so ein wohliges Gefühl in meinem Bauch und meinem Herz hatte. Ich fand meinen Trost im Essen. Ich aß und fühlte mich danach besser, alles wurde leichter. Das musste ich aber irgendwann stoppen, denn die Menge an Essen nahm zu und somit auch ich. Also fing ich an zu kotzen und fühlte mich sofort nochmal mehr besser. Ich redete mir ein, dass das der ideale Plan zum Glück ist. So geht meine Strategie auf, dachte ich. Mich würde selber interessieren, wie genau ich auf die Idee der Kotzerei kam, aber ich weiß es nicht. Auf jeden Fall fing ich irgendwann damit an, nach den Mahlzeiten zu erbrechen und das während ich im Wohnzimmer war und diverse Leute um mich rumwuselten. Ich saß hinter meinem Bruder auf dem Sofa und guckte Fernsehen, während ich immer wieder in einen Becher erbrach. Ich ging dann immer wieder aufs Klo um ihn zu entleeren und dann nur wieder voll zu kotzen. Ich versteckte ihn unter dem Sofa, hinterm Vorhang, unter meiner Jacke, wo immer es auch nötig war. Ich erbrach meist nicht alles, sondern soviel bis ich das Gefühl hatte, dass der Rest drin bleiben darf. Ich habe quasi nur das erbrochen, was sich für mich zu viel anfühlte. Es bekam nie jemand mit, obwohl, oder vielleicht gerade weil, ich es so wenig versteckte und so ging es einige Zeit lang weiter. Irgendwann wurden die Mengen die ich aß und erbrach immer größer, so dass ich neben dem Erbrechen in den Becher auch das Klo direkt wählte. Irgendwann reichten dann auch die Mengen der normalen Mahlzeiten nicht mehr aus und ich fing an heimlich noch mehr Essen zu kaufen und dann vor und/oder nach den Mahlzeiten weiter zu essen und zu erbrechen. Ich fing an vollgekotzte Becher in meinem Zimmer zu sammeln und nachts zu entleeren. Ich kotze in Mülleimer, die Dusche, auf Toiletten, in Hecken, Trinkflaschen, Plastiksäcke und spülte meine Kotze mit dem Gartenschlauch weg, nachdem ich einfach auf den Boden erbrach. Alles im privatem und auch in der Öffentlichkeit, jahrelang, täglich und öfter. Auch das Essen kaufen und essen wurde zur Nacht und Nebelaktionen, die Mengen immer größer und meine Verheimlichungstricks immer ausgefeilter.

Nebenbei fing ich an immer mehr Sport zu treiben, schnell dann auch zwanghaft und mein Körper fing an immer mehr zu signalisieren, dass er nicht mehr kann, aber den Schmerz ignorierte ich geflissentlich, genoss ihn eigentlich eher.

Nachdem ich mein Abitur machte ging ich für ein Jahr als Au Pair in die USA. Dort war ich nicht essstörungsfrei, aber erbrach beispielsweise nur ein einziges Mal. Dann kam ich wieder zurück nach Deutschland und die Bulimie bzw. die alten Probleme empfing mich rasend schnell mit offenen Armen und verschluckte mich diesmal noch tiefer. Bis dahin hatte ich mit niemandem darüber gesprochen und niemand mit mir. Nein stimmt gar nicht, ich hatte es mal zwei „Freunden“ erzählt, aber wirklich darüber gesprochen habe ich nie. Ich hatte aber jetzt eine Zeit erlebt ohne Fressen&Kotzen und gemerkt, dass das auch geht und ich dann besser drauf bin, und da wollte ich hin zurück. Also trat ich mir dann in diesem Jahr selbst in den Hintern und suchte mir Hilfe. Und das war die beste und gleichzeitig schwerste Entscheidung meines Lebens.

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