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JUST LISTEN


"I like to listen. I have learned a great deal from listening carefully. Most people never listen."

(Ernest Hemingway)

 
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  • Alma

Klinik

Aktualisiert: Okt 20

"Hast du dich gut erholt?"

"Bist du jetzt entspannter?"

"Wie läuft die Kur?"

"Geht´s dir jetzt besser?"

"Bist du jetzt gesund?"

"Darfst du überhaupt raus?"


Ich komme gerade aus 3 Monaten psychosomatischem Klinikaufenthalt und bin wieder in "freier Wildbahn". Puuuh, leichter geschrieben, als realisiert.

Inzwischen höre ich so Sätze wie oben kaum noch, aber ich verurteile Außenstehende auch nicht dafür, wenn sie so denken. Solche Aussagen sind ja auch meistens nur gut gemeint, treffen aber erfahrungsgemäß oft daneben. Ich verstehe, dass da jeder seine (oder auch keine) Vorstellungen von Kliniken hat ,und dass, wenn man sich nicht direkt und viel damit auseinandersetzte, man gewisse und verzerrte Vorstellungen und Ideen hat, die oft durch die Medien und frühere Zeiten geprägt sind.

Ja, es gibt Abteilungen wo man nicht von der Station runter kommt, nicht raus darf oder nicht alleine raus darf. Ja, es gibt so etwas wie Fixierungen,Gummizellen und Beruhigungsspritzen, aber das ist nicht die Allgemeinheit. Es ist auch nicht so, dass man zur Kur geht und Anwendungen, wie Massage&Co, hat zur Entspannung und zum Kraft tanken. Das gibt es auch, aber das fällt dann wirklich eher unter Reha oder Kur. Es ist mehr die intensive und konstante Auseinandersetzung und Arbeit mit sich selbst und seiner(n) Krankheit(en) in einem geschützten Umfeld.

Die Klinik wo ich jetzt herkomme, sowie auch die, wo ich vorher war, sind relativ "frei". Das heißt, es gibt gewisse Zeiten wo man auf dem Zimmer sein muss und ein Zuschließen der Klinik, so dass man nachts nicht raus kann, aber ansonsten konnte man sich frei bewegen. Man kann raus, ohne jemandem Bescheid sagen zu müssen, hat ein Zimmer was man sich halbwegs so einrichten konnte, wie man möchte und dort kommt auch nur in Notfallsituationen medizinisches Personal rein, und die Putzfrau, aber auch das nur wenn man will. Man hat einen individuellen Therapieplan an den mann sich am besten halten sollte, und wenn man das nicht tat wurde man kontaktiert, bis man erreicht wurde, aber einfach nur um sicher zu gehen, dass nichts schlimmes passiert ist und man nicht in Gefahr ist.

Es ist relativ frei konzipiert und es wird darauf vertraut bzw. es sollte so sein, dass man stabil genug ist, um von sich aus Hilfe zu holen und Dinge anzusprechen. Man war jederzeit frei darin, Dinge zu verweigern oder den Aufenthalt zu beenden, muss dann aber mit potentiellen Konsequenzen rechnen.Die Therapeuten und Co-Therapeuten auf Station waren wochentags von 8-17 Uhr da. Außerhalb dieser Zeiten gab es immer einen Psychologen und einen Arzt vom Dienst, sowie die Pflegekräfte in der medizinischen Zentrale, die für Notfälle und Krisen als Ansprechpartner da waren. Diese waren zuständig für das gesamte Haus und wirklich nur dazu da, um einen für den Moment beim stabilisieren zu helfen.

An Therapieeinheiten gab es auf meiner Station unter anderem Einzelgesprächstherapie, Gruppengesprächstherapie, Achtsamkeitstraining, Yoga, Bewegungstherapie, Kunst-oder Ergotherapie, Morgenrunden oder auch Fertigkeiten- oder Soziales Kompetenztraining. Daneben gab es auch noch andere spezifischer Gruppen, Sozialberatung bei Bedarf, ein Schwimmbad und ähnliches. Aufgrund von Corona gab es keine weitere Freizeitgruppen und Aktivitäten und auch die Gruppen waren in ihrer Personenzahl eingeschränkter. Ich muss aber sagen, dass man von Corona nicht so richtig viel mitgekriegt hat, klar, er war nicht wie ohne Corona, aber die Klinik hat wirklich ein mega guten Job im Handling der Situation gemacht.

In der therapiefreien Zeit konnte jeder machen was er wollte. Ich war unter anderem dann auf dem Zimmer, im Garten, spazieren, einkaufen in der Stadt,Wäsche machen, puzzeln, Spiele spielen,Kreuzworträtsel und Sudoku machen oder saß im Gemeinschaftsraum, alles sowohl mit als auch ohne Mitpatienten.

Es war für mich die erste Klinik, wo ich nicht aufgrund meiner Essstörung war und es war anfangs so ungewohnt, dass ich einfach Essen auf dem Zimmer haben durfte und ich mich im Speisesaal frei bewegen konnte. In den ersten Tagen, erwartete ich quasi immer bei irgendetwas erwischt zu werden, aber nach kurzer Zeit wurden das zwei herrliche Freiheiten.

Ich bin sehr dankbar, dass ich die Zeit in der Klinik sein durfte. Ich war die Monate davor echt psychisch nicht gut drauf und trat auf der Stelle. Jetzt bin ich zwar immer noch nicht topfit, aber ich bin ein paar Schritte weiter im Genesungsprozess und habe mehr Strategien, Methoden und Verständnis um besser klar zu kommen.

Eines der wichtigsten Dinge an einem Klinikaufenthalt sind meiner Erfahrung nach der Austausch untereinander. Ich habe Leute kennen gelernt mit ähnlichen Problemen, konnte mich mit ihnen austauschen, Dinge unternehmen und wir konnten uns gegenseitig unterstützen und auch ganz viel lachen. Was glaube ich einigen oft nicht so klar ist, dass in vielen Fällen die Entlassung und das Zurückkehren in die Außenwelt eine der größten Herausforderungen ist. In einem Krankenhaus ist man ja tendenziell nicht gerne, aber es kann halt auch einen sicheren Ort bieten, den man bei such daheim nicht hat.

Seid ich "draußen" bin, fällt es mir alles sehr schwer. Ich möchte zurück in die Sicherheit und die Gesellschaft der Klinik, ich bin hier überfordert, überreizt und noch etwas hilflos. Das ist relativ normal bzw. war erwartbar und ist somit immerhin keine Überraschung.

Ich habe eine riesen große Ambilvalenz in mir. Auf der einen Seite ist das krank sein etwas was ich kenne, gewohnt bin, ich weiß wie es funktioniert, fühle mich sicher damit und es war und ist ein Teil meines Lebens. Auf der anderen Seite erzeugt das aber einen riesen großen Leidensdruck und hindert mich an so vielen Dingen und Erfahrungen im Leben. Ich möchte so gerne einfach freier und "normaler" leben, habe so viele Wünsche und Ziele die ich erreichen möchte, und es gibt für mich noch so viel zu entdecken. Mein Leben ist nicht nur schwarz und trist, sondern auch so voller Farbe und Fröhlichkeit. Ich muss lernen, dass ich nicht entweder-oder haben kann. Die Krankheit(en) hat(ten) ihren Sinn und Zweck und eine Daseinsberechtigung, genauso aber auch der lebensfroher und aktive Teil.

Es darf und sollte beides da sein, nicht nur schwarz oder weiß, sondern ein bisschen mehr grau.




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